Älteste Schwedt-Karte entdeckt – Was steckt dahinter ?

(Schwedt) „Älteste Schwedt-Karte entdeckt“! So titelte die Märkische Oderzeitung am 24. März 2017 in ihrer Druckausgabe. In diesem Beitrag wird von einem kleinen Sensationsfund geschrieben. “Museum erhält sensationelles Exponat als Schenkung / Zeichnung wahrscheinlich vor 1700 entstanden“. Ich habe diese Karte einmal genauer betrachtet und bin dabei zu einem weniger sensationellem Ergebnis gekommen.

Karte Herrschaft Schwedt 18. Jhd

Übliche Daten sind auf der Karte nicht vermerkt, aber bereits die Artikelbeschreibung der besagten Internetauktion  “Die Herrschaft Schwedt – altkolorierte Manuskript-Landkarte aus dem 18. Jahrhundert“ und die eigentliche Darstellung der Herrschaft Schwedt, die nur aus der Markgrafenzeit stammen kann, sind eindeutig. Diese Epoche der Markgrafschaft dauerte von 1689 bis 1788 und grenzt den Zeitraum bereits ein. Die Karten der Herrschaft Schwedt dienten als Handzeichnungen hauptsächlich der Selbstdarstellung und zu archivalischen Zwecken. Daß in diesem Beitrag von den beteiligten Personen von einem älteren Zeitpunkt vor 1700 ausgegangen wird, ist nur dem Übereifer der Protagonisten zuzuschreiben. Sie haben sich offenbar von dem ramponierten Zustand der Karte beeindrucken lassen, der den geforderten Preis von 1256 Euro absurd erscheinen läßt. Ob dieser tatsächlich gezahlt wurde, ist nicht bekannt.
Selbst wenn man die Zeit ab 1670, als die brandenburgische Kurfürstin Dorothea die Herrschaft Schwedt für 26.500 Taler erwarb, hinzu zieht, könnte man einen früheren Zeitraum nur auf das Jahr 1680 vorverlegen. Erst in diesem Jahr erwarb die Kurfürstin, die auf der Karte berücksichtigten Gebiete östlich der Oder – die Herrschaft Wildenbruch – dazu. Allerdings noch nicht in dem dargestellten Umfang.

Ein Blick auf die Kartendarstellung zeigt aber deutlich fortgeschrittenere Zeichentechniken, die sich erst im auslaufenden 18. Jhd. herauskristallisierten. Betrachtet man die Generalkarte der Herrschaft Schwedt von 1774 und das Schmettauische Kartenwerk von 1767 bis 1787, so muß man bereits nach Betrachtung aller Karten, die im Artikel beschriebene Karte nach diesen beiden erstgenannten Karten einordnen, denn sie entspricht schon fast der Darstellung des Preußischen Urmeßtischblattes von 1826. (alle genannten Karten plus eine Karte von Reilly von 1795  zum Vergleich finden sie in der Gallerie unterhalb des Beitrages)
Ein Alter vor 1700 sollte mit der bisherigen Betrachtung bereits vom Tisch sein. Aber selbst wenn die Karte dieses gehabt hätte, gäbe es bereits Landkarten aus dem 16. Jhd. und Stadtgrundrisse aus der Zeit des 30-jährigen Krieges. Die Schlagzeile des Artikels ist somit auch nur als blanke Vermutung oder Aufreißer nicht akzeptabel.
Nun zu den Details. Die Grenzen der Herrschaft auf der Karte beinhalten u.a. auch die Gebiete um Fiddichow  (auch Viddichow heute polnisch Widochowa) und die kleine Stadt selbst. Diese erwarb der Markgraf Friedrich Wilhelm 1725. Friedrich Wilhelm trat, nach dem frühen Tod seines Vaters Philipp Wilhelm 1711, erst mit seiner Volljährigkeit nach 1719 die Regentschaft als Markgraf an und hielt diese bis zu seinem Tod 1771 inne. In seine Zeit fallen die auf der betrachteten Karte zu sehenden Details: wie z.B. die Anlage der nach Schwedt führenden Alleen, die Weiterführung der Allee (heutige Lindenallee) nach Monplaisir, die Anlage des sternförmigen Wegenetzes im Park Monplaisier, sowie die auf der Karte an der Westseite der Stadt als grüne Fläche markierten Markgräflichen Maulbeerplantagen nach 1750. Wann dies genau passierte, ist im Einzelnen nicht genau reproduzierbar. Die als Anhalt dienenden bekannten Richterstiche (nicht abgebildet), welche Planung und Realität vermischten, stammen aus den Jahren 1741/42 und basieren auf Zeichnungen von 1736. Aber die Maulbeerplantagen allein, lassen einen anfänglichen Zeitraum nach 1750 und später verlegen. Auf der Karte ist auch noch das Jagdschloß direkt gegenüber dem Schloß erkenntlich. Zwischen 1777 und 1780 wurde sein Neubau verlagert und um 90 Grad gedreht. Auffällig ist auf der Karte auch das Fehlen der Parkanlage Heinrichslust, die vom letzten Markgrafen Friedrich Heinrich um 1777/78 angelegt wurde. Somit könnte man ein mögliches Ende des zu betrachtenden Zeitraumes auf das Jahr 1777 legen, wenn nicht ein entscheidendes Detail – der Landgraben – dagegen sprechen würde. Dazu später mehr. Das Gros der Details läßt demnach bisher einen Entstehungszeitraum der Karte zwischen 1750 und 1777 vermuten, gäbe es da nicht schon die Generalkarte der Herrschaft Schwedt von 1774 in handcolorierter Ausführung. Ob diese Generalkarte als Datengrundlage diente, kann nicht bewiesen werden, da beide Karten unterschiedliche Details enthalten, die mal auf der einen Karte fehlen, mal auf der anderen, z.B. die Befestigungsanlagen aus dem 30-jährigen Krieg und eine Mühle westlich der Stadt. Sie spielen für eine Datierung der besagten Karte keine Rolle. Wichtig sind die neuesten zu erkennenden Eintragungen. Eine im Artikel vermutete Darstellung des Barockschlosses mit 4 Türmen aus dem 17. oder gar 16. Jhd. zeigt völlige Unkenntnis, denn dieses Schloß hatte nach Böer nur 3 Türme. Es handelt sich somit um eine freie Gestaltung des Kartographen.
Hatte ich auf Grund der Kartendarstellung, die Karte für mich persönlich sofort ins auslaufende 18. Jhd. gelegt, so gibt uns der eingezeichnete Landgraben Hinweise auf das früheste 19. Jhd. Während der Landgraben in dem Schmettauischen Kartenwerk von 1767 bis 1787 noch vom Mittelbruch in südlicher Richtung entwässerte, berichtete Probst in seinen Chroniken von 1824 und 1834, offenbar selbst Augenzeuge von Arbeiten am Mitteldamm (heutiger Heinersdorfer Damm), von der Anlage des „Abzugsgrabens”. Diese Arbeiten haben vermutlich im frühen 19. Jhd. stattgefunden, denn die Franzosen marschierten bereits zwischen 1806 und 1813 über die asphaltierten preußischen Fernstraßen nach Schwedt. In der Karte laut MOZ-Foto ist der Landgraben schnurgerade in nördlicher Richtung eingezeichnet. Ob dies nun allerdings original zur Karte gehörte oder nachträglich eingezeichnet wurde, ist für mich nicht erkennbar. Da die Karte aber laut Artikel über lange Zeit in Paris verweilte, besteht eine berechtigte Vermutung, daß sie über die “Franzosenzeit” in die französische Hauptstadt gelangt sein könnte. Möglich scheint eine militärische Nutzung des vorhandenen Kartenmaterials.

Fazit: Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich um eine aktualisierte Karte der Herrschaft Schwedt kurz nach dem Ableben des letzten Markgrafen Friedrich Heinrich 1788. Möglich, daß sie noch von ihm in Auftrag gegeben wurde. Da Karten damals aufwendig und langwierig erstellt werden mußten, griff man auf Details vorheriger Karten zurück. Darum enthielten sie oft ältere Details und waren vor der Möglichkeit des Druckes eher weniger aktuell. Sie waren selten, schwer zu beschaffen und teuer. Besonders Karten mit mehr Details, die das Militär unbedingt benötigte. Daher nutzte man diese offenbar noch nach 1800 und ergänzte unter Umständen sogar mit eigenen Zeichnungen. Die hohe Ähnlichkeit mit dem Preußischen Urmeßtischblatt von 1826 läßt einen Erstellungszeitraum der Karte zwischen 1790 und 1810 plausibel erscheinen. Die Lithografie als Kartendrucktechnik wurde erst 1798 erfunden. Daher erfuhr das Kartenwesen erst im 19. Jhd. einen enormen Aufschwung. Vor 1800 war eine Karte lediglich eine Privatangelegenheit. Dadurch bestimmten die Auftraggeber auch das Ergebnis und die Kartografen  „verfielen … der Nachlässigkeit, ihre Karten ohne Aufdatierungen immer wieder abzudrucken, so dass nach Jahren oder Jahrzehnten von aktuellen Karten keine Rede mehr sein konnte.“ (wikipedia.de) Das erklärt auch die anfangs erwähnten fehlenden Kartendaten.
Jedenfalls ist diese Karte den geforderten Preis von 1256 Euro in dem beschriebenen Zustand kaum Wert und beileibe keine Sensation. Dazu bedarf es keiner wissenschaftlichen Untersuchung. Dennoch stellt sie für das Stadtmuseum Schwedt ein seltenes Zeugnis der Heimatgeschichte dar, von welchem andere Orte nur träumen können. Bleibt abzuwarten, was eine Restauration, Konservierung und Aufbereitung der Karte noch kosten werden und ob wir diese Karte in einer Ausstellung bewundern können.

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This entry was posted on Dienstag, März 28th, 2017 at 13:43 and is filed under Schwedt . You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can skip to the end and leave a response. Pinging is currently not allowed.

 

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