Schwedt – Irrtum Uckermark

(Schwedt) Die Stadt Schwedt zählt heute zum Kreis Uckermark. Viele Schwedter bezeichnen sich deshalb als Uckermärker. Das ursprüngliche Uckerland des Mittelalters hat aber nur bedingt damit zu tun. Schwedt gehörte damals zum Stolper Land b.z.w. zum Barnim.

Menschen siedelten seit Anbeginn an Flüssen und anderen Gewässern, später ließen sie sich nieder und wurden seßhaft. Sie rodeten Wälder für den Bauholzbedarf und um Platz für den Ackerbau und Weiden für die Viehzucht zu schaffen. So veränderten die Menschen besonders im Mittelalter die hiesige Landschaft, und die Stammesgebiete dehnten sich mit wachsender Population aus.

So muß es auch entlang des Ucker-Flußes gewesen sein, der dem Uckerland seinen Namen gab. Gebiete und Regionen begannen und endeten an geografischen Gebilden wie Gebirgen, Flüssen, Seen, Hochebenen und Meeren oder an auffälligen Vegetationszonen wie Wäldern, Mooren, Sümpfen, Wiesen oder Wüsten. Dies sollte der Ausgangspunkt zur Lokalisierung des ursprünglichen Uckerlandes sein, welches sich im Mittelalter nur wenig über das Einzugsgebiet der Ucker und den beiden Uckerseen hinaus ausgedehnt haben dürfte. Im Norden endete es sicher am Haff, in welches die Ucker mündete. Im Süden bildete der „uckersche Wolt“, die heutige Schorfheide, eine Grenze. Im Westen ist ein Grenzbereich heute kaum reproduzierbar. Und im Osten bildete das heutige Randow-Welse-Bruch, damals ein unpassierbares Sumpfgebiet, eine natürliche Grenze. Demnach gehörte das Gebiet zwischen Welse und Oder zu einem anderen Landstrich.

(zum Bild: Die älteste Karte Brandenburgs von Ortelius 1588 bestätigt praktisch einen Grenzverlauf westlich der Welse)

1230 erwarben die askanischen Markgrafen von einem “Herrn Barnim” (offenbar der Pommernherzog Barnim I.) Land, welches sich als heutiger Landstrich Barnim von Berlin über Bernau und Eberswalde, bis einschließlich südlich von Angermünde erstreckt. Die nördlichsten Orte sind im Landbuch Kaiser Karls IV. 1375 beschrieben. Es sind Stolzenhagen (Stoltzenhagen), Stolpe (Stolp), Lunow (Lunow), Lüdersdorf (Luderstorp), Hohensaaten (Sathen), Zepernick (Czepernik), Groß Schönebeck (Schonebeke). Es ist anzunehmen, daß dieses erworbene Land keine Exklave war wie das einstige Westberlin, sondern an weiteren Besitz Barnims anschloß. Besitzungen wechselten damals häufig und Pommern reichte um 1200 wenigstens bis zum heutigen Berlin. Der Landverkauf aus Barnims Sicht bis zu seiner heutigen Nordgrenze macht aus pommerscher Sicht Sinn. Man behielt die wichtigen Übergänge über die Welse Richtung Stettin und die Oder, sowie eine schützende Pufferzone. Wie das einstige Gebiet vor dem Verkauf hieß ist unbekannt. Es kann sich im Raum Schwedt eher nicht um Uckerland gehandelt haben, sondern um ein Gebiet, daß sich von Stettin kommend an der Oder entlang zog bis zur Mündung der Finow bei Oderberg. Dieses Land ist nicht als Uckerland bekannt, sondern als Land Stolpe, urkundlich “Terra Stolpensis” und war offensichtlich ein ehemaliger pommerscher Kastellanbezirk. In der Terra Stolpensis gab es die Vogteien Stolpe, Liebenwalde und Jagow. Dieses Gebiet, welches sich von der Finow östlich der Welse bis hoch zum Randowbruch erstreckte, war der Vorgänger des Stolpirischen Kreises, der bis zur Kreisreform 1816/17 Bestand hatte. Irgendwann (vermutlich im 14. Jhd.) gelangte dieser Landstrich unter die politische Verwaltung der Uckermark. Lange Zeit gab es einen Uckermärkischen Kreis und einen Stolpirischen Kreis adäquat unserer heutigen Bezeichnungen West- und Ostuckermark. Vermutlich waren unterschiedliche Besitzverhältnisse zwischen den Brandenburgern und Pommern dafür verantwortlich.

Daß es sich bei diesem Landstrich sogar um ein einem separaten slavischen Stamm zugehörigen Gebiet gehandelt haben könnte, zeigt der Fund des Fürstengrabes und des Münzschatzes von Stolpe im Jahre 2013 und die große slavische Fürstenburg bei Schwedt. Ukrer waren dies sicher nicht, sonst hieße das Land nicht Terra Stolpensis. Zu einer ernsthaften Diskussion stehen da die Pomoranen. Ein möglicher Vergleich zu den Retschanen, die einst um Lychen und Templin siedelten, bietet sich an. Demnach gehörten auch diese beiden Orte nicht zum ursprünglichen Uckerland.

Der Begriff Uckermark erscheint relativ spät in den Geschichtsquellen, erst ab dem 15. Jhd. Eine erste Erwähnung Schwedts bezüglich Uckermark gibt es im Landbuch Kaiser Karls IV., worin Schwedt der Provinz „Ukera“ zugeordnet wird. Wohlgemerkt nicht der Uckermark.

Wie könnte es nun dazu gekommen sein? Plausibel erscheinen die Gebietsstreitigkeiten nach dem Tode des Brandenburgischen Markgrafen Waldemar 1319 zu sein. Heinrich von Mecklenburg-Stargard bemächtigte sich noch im gleichen Jahr des westlichen und südlichen Uckerlandes und drang bis Schwedt vor. Dabei soll er die Burg Vierraden um 1320/21 errichtet haben. In der Folge mußten die Pommern, durch den Verlußt Schwedts, den Zoll von Schwedt nach Gartz verlegen (1321). Die Zugehörigkeit Schwedts und seines Umlandes zu Mecklenburg dauerte nur wenige Jahre. 1319 bürgt Schwedt für Heinrich. Im Vertrag vom 20. Juli 1323 werden noch Pasewalk und Prenzlau den Pommern und Templin und Angermünde den Mecklenburgern zugesprochen. Schwedt wird in diesem Vertrag nicht erwähnt. Wie lange, oder eher kurz, diese Epoche dauerte, muß offen bleiben. Vermutlich fiel die Region Schwedt kurz danach erst einmal wieder an Brandenburg zurück, denn 1324 hielt sich Markgraf Ludwig (der Bayer) in Schwedt auf. Oder es gehörte schon vorher wieder zu Brandenburg, weshalb es in dem Vertrag von 1323 nicht erwähnt wurde.

Diese ständigen Eigentümerwechsel könnten dafür gesorgt haben, daß das Gebiet dem Verwaltungsbereich „Ukera“ eingegliedert worden ist. In der Folge entstand ein Überbegriff Uckermark, der neben dem eigentlichen Uckerland auch Bereiche des Barnim b.z.w. des Landes Stolpe enthielt. Nun erst hätte die Uckermark ihre etwaige heutige Ausdehnung bis zur Oder erreicht. Natürlich kann der heutige Grenzverlauf jedenfalls nicht entstanden sein. Nur mit einer solchen Theorie läßt sich dieser schmale uckermärkische Gebietsausläufer bis an die Oder zwischen Oderberg und Schwedt erklären.

Was würde diese Deutung historischer Fakten nun für die Heimatgeschichte bedeuten ? Die bisherigen Schlußfolgerungen aus den bekannten Besitzverhältnissen von 1230 und 1250 müßten überdacht werden. Möglich wäre nun eine frühere Zugehörigkeit zur Mark Brandenburg ab 1230, wenn das Land Barnim bereits bis zur Welse verkauft worden wäre. Oder eine weitere Zugehörigkeit der Stadt Schwedt zu Pommern nach 1250, wenn das Land Barnim nur bis südlich von Angermünde verkauft worden ist, und dies auch nach dem Landiner Vertrag 1250 weiterhin die Grenze gewesen wäre. Letzteres würde auch die Ersterwähnungen Schwedts in den pommerschen Urkunden von 1265 und 1269 erklären. Wann die Stadt zur Mark kam, wäre dann unbekannt. Eine erste brandenburgische Urkunde erwähnt Schwedt erst um 1281. Brandenburgisch-pommersche Fehden sind von 1273 – 1275 und 1278 – 1284 bekannt. Allerdings gibt es keine detaillierten Erkenntnisse und man weiß nicht, ob und inwiefern die schwedter Region davon betroffen gewesen sein könnte.

Eine slawische Ableitung des Städtenamens der Stadt Schwedt deutet auf eine pommersche Stadtgründung hin. Diese wird sicher erst nach den wichtigen Städten Prenzlau (1234) und Stettin (1243) erfolgt worden sein. Ein enges Zeitfenster bis zu einer angeblichen Übernahme mit dem Landiner Vertrag 1250 scheint knapp aber möglich. Die Grenzbeschreibungen in diesem Vertrag lassen aber völlig offen, ob der Welseverlauf bis zur Oder gemeint ist. Ich hege Zweifel, auch wegen der Stadtgründung Angermündes vermutlich um 1233 . Gemeint ist aus meiner Sicht eher ein Grenzverlauf des Uckerlandes von der Welse bei Passow, über das Randowbruch, bis zur Löcknitz. Ein Treffen bei Landin steht dem nicht entgegen. Es war sicher nur ein günstiger Ort, der beiden Parteien einen günstigen Weg beschehrte. Ob dieser Treffpunkt nun in pommerschen oder brandenburgischen Landen lag, war völlig unerheblich.

Ein wie von mir geschlußfolgerter Grenzverlauf zum Uckerland stünde als Beweis für eine ursprüngliche Nichtzugehörigkeit Schwedts zum Uckerland und für eine längere pommersche Zugehörigkeit als gedacht. Schwedt gehörte demnach im Hochmittelalter nicht zum Uckerland. Es gelangte erst im 14. Jhd. unter uckermärkische Verwaltung.

 

1 Antwort zu “Schwedt – Irrtum Uckermark”

  1. Donnerstag Says:

    Prima geschrieben, lese hier immer gerne.

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This entry was posted on Sonntag, August 9th, 2015 at 10:55 and is filed under Schwedt, Uckermark . You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can skip to the end and leave a response. Pinging is currently not allowed.

 

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