Kritik an Schwedts Stadtchronik

(Schwedt)

Zum Brandenburgtag 2010 in Schwedt erschien eine überarbeitete Stadtchronik inkl. der Jahre nach 1990 in Buchform. Die 1. Ausgabe ist inzwischen vergriffen und es wurde eine überarbeitete 2. Auflage herausgegeben. Obwohl in der 2. Ausgabe einige Fehler korrigiert oder entfernt wurden, ist diese Chronik in weiten Teilen, besonders im Mittelalter, sehr fehlerbehaftet. Vieles wurde einfach nur abgeschrieben ohne Kontrolle. Direkte Quellenangaben fehlen zum Großteil. Das Werk bietet falsche Jahreszahlen bis hin zu völlig abstrusen Deutungen, die in eine Chronik nicht hinein gehören b.z.w. ohne Quellenangaben völlig haltlos sind. Dies schmälert dieses umfangreiche Werk enorm und degradiert es vom Referenzwerk zum Regalauffüller. Ein eigenartiges Layout und kleine Bilder tun ihr Übriges dazu. War es schon ärgerlich ein solch fehlerhaftes Werk in der Erstfassung für 14,95 € zu erwerben, so kann einem, bei nochmaligen Kauf der 2. Ausgabe, die Lust auf Heimatgeschichte vergehen. Denn 30 Euro für 2 Ausgaben einer grob fehlerhaften Chronik sind kein Pappenstil. Bei einer solch hohen Fehlerquote ist jeder Euro ärgerlich.

So scheinen manche chronischen Zeiträume willkürlich gesetzt. Es ist nicht ersichtlich, warum der Zeitraum 1166 – 1184 (S. 14) gewählt wurde. Weder in der Landes- oder Regionalgeschichte gibt es einen möglichen Ansatz. So steht dort, daß Otto I. die Lehnshoheit über Pommern erhält und das Gebiet um Schwedt in Grenzstreitigkeiten zwischen Askaniern und Pommern in Fehden hineingezogen wird. Otto I. erhält aber erst 1187 die Lehnshoheit über Pommern. Die Herzöge von Pommern wiederum erhielten bereits 1181 die Lehnshoheit über ihre Lande zugesprochen. Auch Kämpfe sind für die Region Schwedt nicht überliefert. In besagtem Zeitraum sind nur um 1177 Auseinandersetzungen zwischen Otto I. & Heinrich von Sachsen mit den Pommernherzögen aktenkundig. Diese beschränkten sich allerdings auf das Gebiet um Demmin und Wolgast, später auf die Neumark.

Ob Siedlung und Burg Schwedt bereits um 1230 (S. 14) mit dem Erwerb der südlichen Uckermark an die Brüder Johann I. & Otto III. gelangten ist nicht sicher. Eine Burg zu diesem Zeitpunkt ist ohne jegliche Grundlage hinzugedichtet.

Auch zum Jahr 1250 (S.14) stehen blanke Vermutungen. Es gibt keinen Beleg darüber, ob Schwedt als „Stütz- und Ausgangspunkt des Brandenburger Heeres für die Eroberung“ der Neumark diente. Eigentlich logisch, wenn es erst 1265 die erste urkundliche Erwähnung Schwedts gab.

1266 (S. 15) tritt ein Henricus de Zwet angeblich als Nutzer der schwedter Burg am Hofe des Herzogs Barnim I. auf. Dies gipfelt in der Aussage, daß Schwedt demnach zu dieser Zeit in pommerschen Besitz gewesen wäre. Nun, das mag sein, aber bereits der Chronist Medem hegte an dieser Deutung berechtigte Zweifel. Es muß sich nicht um einen Henricus aus unserem Schwedt handeln, sondern im Raum steht auch das südlich von Kolberg gelegene Schwedt in Pommern. In der Geschichtsschreibung tritt vorher ein Henricus de Stolp (1251) und ein Henricus de Angermunde (1263) in Erscheinung. Dieser muß seinem Namen und seinen Verwaltungstätigkeiten nach den brandenburgischen Askaniern zugerechnet werden. Sollte es sich um die gleiche Person handeln stellt sich die Frage, warum bezeugt diese Person innere pommersche Vorgänge? Aus einem solchen vakanten Umstand eine pommersche Zugehörigkeit der Stadt Schwedt abzulesen ist demnach mehr als mutig, nur weil Schwedt in pommerschen Urkunden 1265 und 1269 erwähnt wird. Wie sollte denn die Lage der Mühle Vierraden anders beschrieben werden als durch Fluß und nächst liegende Stadt ? Andere brandenburgische Landesgeschichtsschreiber gehen plausibel davon aus, daß Schwedt nach dem Landiner Vertrag 1250 bis zum Tode des Markgrafen Heinrich II. 1320 ohne Unterbrechung den Brandenburgern gehörte. Da Heinrich, der mit ca. 12 Jahren starb, keine Macht ausüben konnte, datieren einige Historiker den Abfall der Uckermark bereits in das Jahr 1319, nach dem Tod Waldemars und dem anschließenden Einfall Heinrichs von Mecklenburg-Stargart in die westliche Uckermark.

Im Jahre 1271 (S. 15) platzierte man nun diverse Schreibweisen von Schwedt in der Chronik. Offensichtlich weil aus diesem Jahre die Schreibweise als Zweth überliefert ist. Eine Quellenangabe für die verschiedenen aufgeführten Schreibweisen findet sich nicht. Es handelt sich offenbar um die bei Riedel (Codex Diplomaticus Brandenburgensis) aufgeführten Ortsbezeichnungen, die auch in der Chronik von Thomäe zu finden sind. Warum sich daran anschließend dann 2 Sätze zur nicht geklärten Bedeutung des Ortsnamens finden, erschließt sich mir nicht ganz. Es sprengt den historischen Fluß der Chronik beim Lesen.

1284 (S.15) ist von einem “Friedensvertrag zwischen Pommernherzögen und den brandenburgischen Herzögen “ (offenbar sind brandenburgische Markgrafen gemeint) die Rede, ohne zu erwähnen, daß es sich dabei um den Friedensvertrag zu Vierraden handelt, was dieser Stadtchronik gut getan hätte.

Zum „Ende des 13. Jahrhunderts“ (S. 16) ist von einer Via Regia „zwischen Uckermark und Neumark“ die Rede. Die Via Regia durch Schwedt führte aber von Berlin nach Stettin. In der Neumark gab es eine weitere Via Regia von Frankfurt nach Stettin. Die Verbindung dieser beiden Trassen von der Uckermark aus ist als Via Regia nicht überliefert.

1304 (S. 16) stirb zwar der Markgraf Konrad I. in Schwedt, aber ob er Schwedt zu „seiner Residenz“ wählte ist eine Behauptung eines Ortschronisten, die einfach übernommen wurde. Engel als Urquelle (um 1595) wird nicht erwähnt. Solche übernommenen Deutungen haben in einer Chronik nichts zu suchen, es sei denn mit Quellenangbabe.

1323 (S.17) – ob Schwedt pommersch wird ist möglich, aber in dem Vertrag vom 20. Juli nicht niedergeschrieben. Pommern bekommt Pasewalk und Prenzlau. Mecklenburg Angermünde, Templin, Strasburg, Fürstenwerder und Jagow. Nimmt man Angermünde als nächsten Bezugspunkt, wäre Schwedt eher zu Mecklenburg gehörig. Aber Schwedt selbst ist eben gar nicht erwähnt.

1330 (S. 17) enthält unglaubliche Fehler. Dort wird eine Schlacht zwischen dem brandenburger Markgrafen Ludwig V. und Barnim „von Mecklenburg“ (?) auf den 29. Januar festgeschrieben. Über Ludwigs Niederlage liegen in der Geschichtsschreibung viele Fragen, sodaß diese Auseinandersetzung auch oft als sonderbar, eigenartig und mysteriös bezeichnet wird. Pommern wurde zu dieser Zeit auch nicht von Barnim zu Mecklenburg regiert, sondern von Otto I. und Barnim III. gemeinsam. Es kam offenbar bereits im Dezember 1329 oder Neujahr 1330 zu einer Schlacht – entweder zwischen Vierraden und Angermünde oder Prenzlau und Angermünde – die Ludwig verlor und in deren Folge er in Richtung Eberswalde flüchtete. Am 29. Januar des Jahres 1330 wurde dann auf der Burg zu Twenraden (oberhalb der heutigen „Neuen Mühle“ Blumenhagen) ein Waffenstillstand vereinbart, der bis 1332 hielt.

1354 (S. 18) entsteht angeblich der „Stolpirische Kreis“ „zu dem nun auch Schwedt gehört“. Bereits 1251 gehörte Schwedt aber offenbar zur Vogtei Stolpe, auch Terra Stolpensis genannt, die schon einen Großteil der 1354 erwähnten Gebiete umfaßte. In der Chronik gehörte Schwedt von 1354 an wieder zu Pommern. Daß Schwedt bereits im Jahre 1352 in einem Grenzvergleich mit anderen Städten zu Pommern kam und der Vertrag von 1354 nur eine Bestätigung dessen war, fehlt in der Chronik völlig.

Ähnlich steht es um den Vertrag zu Perleberg 1419 (S. 19). Schwedt kam nicht erst mit diesem Vertrag 1419 zu Brandenburg zurück, denn bereits 1416 löste Friedrich der I. die Uckermark aus pommerschen Besitz.

1427 (s. 19) ist als Jahresangabe für eine Niederlage der Brandenburger gegen die Pommern bei Vierraden als falsch anzusehen. Diese Niederlage erhielt Friedrich I. im November 1425. In der Chronik wird die Verpachtung der Stadt und Schloß Schwedt an Rule Lindstedt 1428 durch die Pommern als direkte Folge dargestellt. Dies ist demnach falsch.

1434 (S. 20) soll Friedrich I. die Stadt Schwedt und Vierraden belagert haben. Bei seiner Flucht ließ er viel Kriegsgerät zurück. Es handelt sich dabei nicht um Friedrich I., der bereits nach seiner Niederlage bei Vierraden im November 1425 (die er dem Versagen seiner Gefolgschaft zuschrieb) die Mark an seinen Sohn Johann am 13. Januar 1426 übergab. Offiziell herrschte Friedrich I. als Kurfürst zwar bis zu seinem Ableben 1440, überließ allerdings die Amtsgeschäfte seinem Sohn Johann, und er selbst betrat die Mark nach seiner Niederlage 1425 aus Verbitterung nie wieder. Weiterhin wird hier ein Ereignis, welches urkundlich für die Burg Vierraden überliefert ist, einfach auf Schwedt übertragen.

Das Jahr 1446 fehlt in der Chronik sogar ganz. Am 24.6. trafen sich Brandenburger und Pommern auf dem Felde bei Heinersdorf zu Verhandlungen. Erwähnt werden dabei Stolpe, Greiffenberg und Zichow.

1465 weilt angeblich Friedrich II. im pommerschen Schwedt und bestätigt der Stadt ihre bisherigen Rechte. Wie kommt man nun darauf, daß ein brandenburgischer Kurfürst einer pommerschen Stadt ihre Rechte bestätigen kann ? Friedrich II. war gerade vom Kaiser in seiner Lehnshoheit über Pommern bestätigt worden. Desweiteren fand dieses Treffen nicht in Schwedt, sondern in Angermünde statt. Eine schwedter Abordnung war zu diesem Zwecke nach Angermünde gereist und schwor dem Kurfürsten die Treue. Erneut wurde ein Ereignis anderen Ortes auf Schwedt übertragen. Zur Urkunde zum Nachlesen

1479 (S. 20) soll Markgraf Albrecht Achilles am 23. Mai Schwedt und Vierraden erobert haben. Diesen Punkt kann man als völlig mißraten ansehen. Hier wurde alles miteinander vermengt. Die in genauesten Einzelheiten überlieferte Heeresaufstellung und Vorgehensweise des brandenburgischen Kurfürsten wurde offenbar in einem Schreiben vom 23. Mai überliefert. Das Aufeinandertreffen selbst fand bereits im Jahre 1478 (wahrscheinlich im August) statt. Die Pommern hatten 1477 Gartz und Vierraden in einer Blitzaktion erobert. Nach seiner Rückkehr aus Böhmen schlug Albrecht Achilles in einer absoluten Machtdemonstration die Pommern bei Vierraden ohne größere Kampfhandlungen in die Flucht. Der Anblick von 20.000 Mann ließ keine Hoffnung bei den Pommern keimen. Urkundlich belegt ist dies für die Burg Vierraden. Wiederholt wurde ein Ereignis fälschlicherweise auf Schwedt ausgedehnt. Hier nachzulesen.

Dies ist nur ein erster kleiner Versuch einer öffentlichen Richtigstellung bezüglich der Epoche des Spätmittelalters. Weitere Fehler betreffs der Ansiedlung von Hugenotten und auch der Nachkriegszeit sind ebenfalls gesichtet worden. Es wird an einer Richtigstellung gearbeitet, in der auch die Quellenlegung erfolgt. Die Kritik, die mit diesem Beitrag einher geht, richtet sich weniger an die Autorin Frau Zillmann, als an den Lektor Lutz Libert. Der ehemalige Museumsleiter in Schwedt und Verfasser zahlreicher heimatgeschichtlicher Beiträge hat offensichtlich nur die Rechtschreibung kontrolliert. Frau Zillmann muß sich gefallen lassen, daß sie in Unkenntnis einiger Vorgänge, sich dennoch einige Schlußfolgerungen nicht verkniffen hat. Deutungen gehören in keine Chronik, nur Jahreszahlen, Fakten und Urkunden. Ob die vielen, fehlenden, direkten Quellenangaben dem Buchdruck geschuldet sind, müßte man dem Originalmanuskript im Stadtarchiv entnehmen, welches wohl noch umfangreicher als das Buch selber ist. In der jetzigen Ausführung ist diese Chronik, was das Mittelalter betrifft, nahe an der Geschichtsfälschung und dadurch nicht gebrauchsfähig. Fehler passieren, aber man sollte sie durch blankes Abschreiben in dieser Menge nicht hoffähig machen. Als Autor sollte man in diesem Falle direkte Quellenangaben bevorzugen, um sich einer aufkeimenden Kritik zu entledigen.

 

6 Antworten zu “Kritik an Schwedts Stadtchronik”

  1. Donnerstag Says:

    Klasse geschrieben – wollen hoffen, dass in zukünftigen Ausgaben berichtigt wird.

  2. Ich bins Says:

    Wenn das so stimmt, und bei der Art des Artikels gehe ich davon aus, dann wandert das Buch bei mir ins Altpapier. Das geht ja gar nicht.
    Freue mich schon auf die Quellen. Bitte dann einen druckbaren Einleger liefer. Wäre mein Vorschlag.

  3. Leser Says:

    Ist ja unglaublich. Bin entsetzt, enttäuscht, … Mir fehlen die Worte.

  4. Mitteilung Says:

    Ergänzend zu diesem Beitrag möchte der Autor mitteilen, daß er offensichtlich die Quellen dieser Fehldeutungen gefunden hat. Als Urfehlerquelle kommt offenbar die Chronik von Thomäe in Frage, die durch Westermann noch um einige Fehlannahmen erweitert wurde. Natürlich hatte Thomäe weniger Erfahrung und Möglichkeiten, die Landesgeschichte zu reproduzieren. Er hätte sich allerdings nur auf Medem’s Ausarbeitung berufen sollen,denn dieser hat schon etwa 40 Jahre vorher einen fast korrekten Ablauf der Geschichte, dem damaligen Kenntnisstand entsprechend, zusammen getragen. Thomäe wollte dies offenbar ausbauen und verstrickte sich in Vermutungen und Annahmen, die ohne Quellennachweis nicht haltbar sind, selbst wenn sie stimmen würden. Dies entsprach aber durchaus dem damaligen Zeitgeist und Schreibstil. Medem, als studierter Archivar, hielt sich strikt an die Quellen. Und selbst Probst kennzeichnete seine eigenen Gedanken im Text und gab sonst nur Fakten wieder. Thomäe wäre besser beraten gewesen, es Probst und Medem gleich zu tun. Aber als Lehrer war er sicher bemüht, die trockene Historie interessanter zu gestalten, wie es in einem Unterricht geschehen sollte. Aber solche Dinge passieren eben in historischen Ausarbeiten. Kaum niedergeschrieben, da sind sie schon falsch oder überholt. Daher ist ein genauer Quellennachweis unerläßlich. Und der fehlt bei Thomäe leider fast völlig.

  5. Ingo Kerschies Says:

    Guten Tag
    Ich würde gerne die Stadtchronik von Schwedt erwerben.

    Gruß Ingo

  6. Heimatland-Um Says:

    Ich habe Ihnen eine Mail zu der hinterlegten Emailadresse gesendet. MfG

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This entry was posted on Dienstag, Februar 17th, 2015 at 16:44 and is filed under Schwedt . You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can skip to the end and leave a response. Pinging is currently not allowed.

 

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