Wo stand die Schwedter Burg ?

(Schwedt) Wer sich mit diesem Thema beschäftigt, der muß eine Karge Quellenlage und einige verwirrende Äußerungen in Publikationen ertragen. Die „eine“ Schwedter Burg gab es offensichtlich so nicht. In den wenigen Publikationen werden die wenigen Fakten selbst von historisch geschultem Fachpersonal häufig vermengt, obwohl sich diese Fakten auf wenigstens 3 Burgen aus unterschiedlichen Epochen beziehen.

Da wäre zuerst die slawische Niederungsburg, auf dem östlichen Ufer der alten Oder gelegen, zu nennen. In der Zeit des 9. bis 11. Jahrhunderts befand sich diese Burg in ihrer Blütezeit. Sie wurde um 1100 wahrscheinlich aufgegeben wegen eines ansteigenden Wasserspiegels der Oder. Die slawische Bevölkerung zog sich auf das erhöhte westliche Oderufer, im Bereich des heutigen Kietzes, zurück. Diese Burganlage ist durch Carl Ballentin archäologisch nachgewiesen.

Als zweite Burganlage erscheint eine Burg der Pommern im 12. Jh. in den Geschichtsbüchern. Vermutlich wurde diese nach 1120 angelegt, als die Pommern sich gegen die expandierenden Polen erwehren mußten. Die Burg befand sich direkt an der Oder, am nördlichen Rande des heutigen Schloßparkes. Von dieser Anlage, die offensichtlich aus Holz bestand, gibt es archäologische Nachweise in Form zweier parallel verlaufener Gräben, in die offensichtlich Wasser von der Oder abgeleitet wurde. Somit war die Burg von 3 Seiten mit Wasser umgeben. Die offene 4. Seite wurde durch eine Verplankung geschützt. Der nördliche Graben zog sich bis zum Schulhof der heutigen Schloßparkschule (ehem. POS 6) hin. Der südliche Graben verlief noch Mitte des 19. Jahrhunderts durch den Schloßpark, ehe er verfüllt wurde. Im Bereich des Schloßparkes soll sich auch eine Brücke über die Oder befunden haben. Wie sich ein Ableiten von Oderwasser in die Gräben gestaltete muß offen bleiben. Eine hölzerne Burg hätte sicher erhöht stehen müssen, geschützt vor Hochwasser im Frühjahr und Sommer, sowie vor Eisgang im Winter. Da die Oder in diesem Punkt sehr dynamisch ist, kann eine Burg in unmittelbarer Ufernähe nur eine begrenzte Lebensdauer gehabt haben.
Im nahen Umfeld dieser Anlage ist eine Besiedlung nachgewiesen. Die Pommern ließen nach 1188 deutsche Siedler in ihr Land. Daher entwickelte sich ab 1190 im näheren Umfeld der pommerschen Burg, im Bereich der heutigen Berliner Straße, ein deutsches Angerdorf, das als Keimzelle der mittelalterlichen Stadt gelten kann, auch wenn am Kietz noch die slawische Siedlung vorhanden war. Wie lange diese pommersche Burg Bestand hatte, kann nicht belegt werden. Eine Nutzung der pommerschen Burg durch die Brandenburger oder gar eine Überbauung mit einer mittelalterlichen deutschen Burg ist auszuschließen, da entsprechende Schriftquellen oder Bodenfunde nicht vorhanden sind.

Als Drittes komme ich zur mittelalterlichen Landesburg. Diese soll am Platze der heutigen Uckermärkischen Bühnen gestanden haben. Dieser Standort wurde nach aktuell geltender Lehrmeinung von wenigen Fakten abgeleitet, wie einem mittelalterlichen Graben im Schloßpark und der bekannten Lage des Burglehngrund-stückes. Eine Behauptung Böers (ohne Quellenangabe), daß Kellergewölbe der Burg in das Renaissanceschloß übernommen wurden, muß man unkommentiert hinnehmen. Ein entsprechendes Kellergewölbe kann auch von anderer mittelalterlicher Bebauung stammen. Ebenso fragwürdig ist die Vermutung Thomaes, der Schutt im Schloßpark für die Reste der mittelalterlichen Burg hält, da dieser Schutt nie näher untersucht wurde. Auch die Lage des Burglehens (Bereich heutige Lindenallee) läßt sich nur bedingt zu einer Verortung der Burg heranziehen, da das Burglehen zwar in der Regel direkt an die Burgen grenzte, dies aber nicht überall durch geografische Verhältnisse oder Besitz realisiert werden konnte.
Eine Lage der hiesigen Burg an diesem Platz erscheint aus meiner Sicht auch nicht optimal. Im Norden muß sich ein Waldstück befunden haben, welches eine freie Sicht behinderte. Reste dieses Waldstückes waren bis ca. 1885 als Stadtwald b.z.w. Tanger erhalten. Es befand sich dort auch das erwähnte Angerdorf der ersten deutschen Siedler. Angerdorf und Burglehen stehen in einem offenen Konflikt zueinander (siehe Grafik). Das Gelände war zwar gegenüber dem Wasserspiegel der Oder erhöht, erscheint mir aber nicht hoch genug zur Sicherung eines wichtigen Passes gelegen zu haben. Die Erhöhung des Geländes läßt auch den vielfach geäußerten Burgentyp als Wasserburg, nicht plausibel erscheinen. Diese These scheint eher Beleg für eine Faktenvermengung mit den Wassergräben der pommerschen Burganlage zu sein. Ein gefundener mittelalterlicher Graben im unmittelbaren Bereich des ehem. Schloßes (2011) muß kein Teil einer Burganlage gewesen sein. Es bestünde die Möglichkeit, daß er zu einer Orts- oder Kriegsbefestigung gehören könnte. Die Aussage in einer Dissertation, daß der Burgturm in das Renaissanceschloß übernommen wurde, konnte ohne Quellenangabe nicht überprüft werden. Archäologisch ist eine Burg im Bereich des Schloßparkes bisher nicht nachgewiesen. Fehlende Funde werden oft damit begründet, daß es sich um eine hölzerne Burg gehandelt haben könnte. Auch hier vermute ich eine Faktenvermengung mit der pommerschen Burganlage. Die brandenburgischen Markgrafen, die sich oft in der Schwedter Burg um 1300 aufhielten, werden dies kaum in einer Holzburg, an einem wichtigen Oderpass, getan haben. Nachweisliche Belagerungen der Stadt, und somit der Burg Schwedt, in den Auseinandersetzungen zwischen Brandenburgern und Pommern hätten einer hölzernen Burg kaum die Möglichkeit gegeben, im späten 16. Jahrhundert als Salzsiederei zu dienen. Diese letzte nachgewiesene Erwähnung der landesherrlichen Burg Schwedt ist gleichzeitig ein Hinweis auf einen anderen möglichen Standort dieser mittelalterlichen Anlage.

Laut Böer benennt eine Überlieferung aus dem 17. Jh. den Salzberg, den Bereich der heutigen Straße Am Kanal, als den Standort der Burg. Das Zitat lautet: “ Es hatt vor Zeiten, da die von Aschersleben (um 1465) dz Schloß und die Stadt gehabt, dz Schloß auf dem Saltzberge an der Oder bey dem Fehrmann gestanden…“. Warum diesem Zitat so wenig Glauben geschenkt wird, erschließt sich mir nicht ganz, In Zusammenhang mit der bereits erwähnten Salzsiederei in der Burg, zu Zeiten des Grafen Martin v. Hohenstein, den überlieferten Fakten zum dortigen Salzumschlagplatz, den ehemaligen Bauten wie Salztor, Salzhaus und Straßennamen wie der Kleinen und der Großen Salzstraße (die Salzstraße gibt es als Rudiment heute noch) ergibt sich ein deutlicher Zusammenhang. Der Vermutung, daß es sich auch um eine Salzsiederei in der Burg Vierraden gehandelt haben könnte, kann ich nicht folgen. Als der Schwedter Bürgermeister Giese 1670 die Wiedereinrichtung der Salzsiederei, wie auf der Burg unter dem Grafen Martin von Hohenstein (1570 bis 1609), einforderte, sprach er sicher von Schwedt. Wenn er eine Burg in Vierraden gemeint hätte, dann hätte er diese auch explizit benannt. Außerdem herrschte bereits damals ein striktes Salzrecht, von welchem der Kurfürst direkt wirtschaftlich profitierte. So war der Salzbezug in Mengen und Orten jährlich festgeschrieben, sodaß Vierraden keine Chance auf eine genehmigte Salzsiederei hatte. Schwedt hatte zu dieser Zeit allerdings schon Handelsrechte mit Salz und durfte kleinere Mengen für den regionalen Eigenverbrauch fertigen.
Auch geografisch scheint dieser Platz für eine Burg günstig. Als die Brandenburger unsere Region spätestens mit dem Vertrag zu Landin 1250 übernahmen, müssen sie am Oderübergang die slawische Kietzsiedlung, und einige hundert Meter nördlich davon das deutsche Angerdorf der Pommern vorgefunden haben. Was sich zu dieser Zeit zwischen beiden Siedlungen befand ist unbekannt. Aber das Gelände ist noch heute von der Straße Am Kanal bis zur evangelischen Stadtkirche der höchste Punkt im Stadtzentrum. Über eine dortige Burganlage mit Turm wäre auch gleichzeitig eine Überwachung des westlich gelegenen Mittelbruches, durch das die Fernhandelswege zum Oderpaß führten, gegeben. Zusätzlich ist in diesem Bereich auch die Fähre über die Oder überliefert, die es unmittelbar zu schützen galt. Wenn sich dann im Umfeld dieser Burg eine weitere Siedlung entwickelte, dann kann man eine Äußerung des Prenzlauer Chronisten Süring nachvollziehen. In einer Kurzchronik der Uckermark benennt er Schwedt als „alte und große Stadt, die aus 3 Teilen besteht“. Es würde der Anlage des südlichen slawischen Kietzes, des nördlichen deutsch-pommerischen Angerdorfes und einer dazwischen liegenden deutschen Burgensiedlung entsprechen. Dies bleibt aber pure Theorie, da auch an diesem Ort keine Burg archäologisch nachgewiesen werden konnte. Dies könnte durch die Zerstörung der Stadt im 30-jährigen Krieg und deren zweimaliger Neuanlage, mit Überbauung Ende des 17. Jahrhunderts, erklärt werden. Solange aber keine substanzielle archäologische Aufarbeitung in den zuletzt genannten Gebieten erfolgt, erscheint mir eine Verortung der mittelalterlichen landesherrlichen Burg nicht möglich. Die Negierung der einzigen schriftlich vorliegenden Überlieferung einer Burg auf dem Salzberg durch neuzeitliche Historiker erscheint mir nicht hilfreich. Ein bloses Übertragen wissenschaftlich begründeter Standartlehre ohne Befund ist ebenfalls zu einfach. Vielleicht gab es aber auch eine deutsche Burg an 2 verschiedenen Orten. Soll sich der regionalgeschichtlich Interessierte sein eigenes Bild machen.

Abbildung 1: Man erkennt deutlich, wie sich die Lage des Angerdorfes mit dem Burglehen überschneidet. Entweder das Burglehen hatte einen anderen Grundriß, oder das Angerdorf existierte bei der Vergabe des Burglehens nicht mehr b.z.w. wurde verlegt bei der Anlage der Stadt durch den Lokator. (anklicken für bessere Ansicht)

(Auszug aus einer unvollendeten Ausarbeitung über die Stadt Schwedt im Mittelalter von Dirk Sill für www.schwedtportal.de, im Original befinden sich auch die Quellenangaben)

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This entry was posted on Montag, August 11th, 2014 at 19:07 and is filed under Schwedt, Uncategorized . You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can skip to the end and leave a response. Pinging is currently not allowed.

 

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